Der kleine Stativ-Ratgeber

Das Stativ, der beste Freund des Fotografen. So hieß es früher mal. Kameras und Objektive kommen und gehen, aber ein Stativ bleibt. So hieß es auch mal. Ist das Stativ also der wichtigste Teil der Fotoausrüstung? Was für ein Stativ sollte man kaufen? Braucht man vielleicht mehrere Stative? Hier kommt mein kleiner Stativ-Ratgeber.

Meine Stativ-Geschichte

Damals im Jahr 2006 kaufte ich mein erstes Stativ. Es war ein Hama Star 61, das ist ein Plastik-Dreibein für 25,99 Euro. Ich hatte gerade meine erste DSLR (eine Canon 400D) bekommen und wollte nun ein Stativ für Nachtaufnahmen. Alles was ich über das Hama-Stativ sagen kann: es war nicht günstig, sondern billig. Billig in dem Sinne, dass die Bedienelemente aus Plastik ziemlich schnell abbrachen. Stabil war es überhaupt nicht, daher waren die Bilder auch unscharf. Zweimal konnte ich in letzter Sekunde verhindern, dass es umkippte und die Kamera auf dem Asphalt aufgeschlagen wäre.

Ein paar Wochen später wollte ich dann ein richtiges Stativ. Ich hatte mich schlau gemacht und ich wollte ein stabiles Stativ. Es war gerade in Mode Mehrfachbelichtungen für HDR-Fotos zu machen und das ging natürlich nur mit Stativ. Die verschiedenen Belichtungen sollten deckungsgleich sein, auch bei einem schweren Objektiv und am besten auch im Sturm. Also kaufte ich mir ein Benro A258, das ist ein ordentliches Alu-Stativ mit stabilen Rohren und 60cm Packmaß für ca. 250 Euro. Da wackelte gar nix, die Bilder waren gestochen scharf. Auf meiner Städtereise nach Rom passte es gerade so in den Koffer und bereits am zweiten Tag hatte ich fürchterliche Schulterschmerzen, nachdem ich das Stativ den ganzen Tag herumgeschleppt hatte.

Irgendwann ein Jahr später wollte ich dann ein Reise-Stativ. Es hatte sich beim Fotografieren herausgestellt, dass ich fast nie ein schweres Tele auf dem Stativ hatte, sondern meist nur Normal- oder Weitwinkel-Brennweiten. Leichtes Gewicht und ein kompaktes Packmaß waren die beiden wichtige Prioritäten. Ich kaufte schließlich ein Benro Travel Angel, ein pfiffiges Carbon-Stativ, dass man zum Transport umgekehrt zusammenklappen konnte. Es wurde zum ständigen Begleiter auf vielen Reisen.

Nach dem Motto “das Bessere ist der Feind des Guten” wollte ich dann irgendwann ein Reisestativ mit höherwertig verarbeiteten Bedienelementen, wo es kein Gefummel gibt und wo auch nach Salzwassereinsatz kein Rost auftritt. Gitzo hatte von der Traveler-Serie, der Mutter aller Reisestative, die Special Edition “Ocean Traveler” herausgebracht. Der Listenpreis von 1599 Euro erschien mir etwas übertrieben, aber als ich dann die Gelegenheit hatte ein neuwertiges Ocean Traveler für 555 Euro zu kaufen, habe ich dann zugeschlagen.

Übrigens, auch wenn es keinesfalls ein Ersatz für ein richtiges Stativ ist, so nutze ich manchmal auch das winzige Microstativ von Novoflex, wenn ich mit ganz kleinem Gepäck unterwegs bin.

Was habe ich gelernt?

Drehverschluss oder Klemmverschluss? Ich mag keine Klemmverschlüsse. Auf den ersten Blick mögen sie einfacher zu bedienen sein. Aber wenn sie sich etwas lockern sind sie schwerer nachzustellen. Ich behaupte, dass ich ein Stativ mit Drehverschlüssen schneller aufstellen kann. Mit etwas Übung greift man mehrere Segmente auf einmal und macht eine halbe Drehung… fertig. Bei Drehverschlüssen hat man auch keine Probleme, da sie nicht nachjustiert werden müssen. Ich kaufe nur Stative mit Drehverschlüssen.

Alu oder Carbon? Alu-Stative sind etwas günstiger. Aber sie sind nicht nur schwerer sondern auch schwingungsempfindlicher. Ein Stativ mit Carbon-Beinen hat mehr eine schwingungsdämpfende Wirkung, es steht also ruhiger. Außerdem sind die Beine im Winter nicht so kalt beim Anfassen. Ich kaufe nur Stative aus Carbon.

Groß oder klein? Die richtige Stativgröße ist das wichtigste Kriterium. Eigentlich möchte man beim Fotografieren ja ein großes schweres stabiles Stativ haben. Aber beim Tragen und Transportieren möchte man ein möglichst kleines, leichtes und kompaktes Stativ haben. Hier gilt es den richtigen Kompromiss zu finden. Mein Leitspruch ist „das beste Stativ ist jenes, welches man dabei hat“. Das große stabile Stativ bringt also nichts, wenn es zuhause liegen bleibt. Daher mag ich kompakte Reisestative gerne, denn diese haben auch eine Chance tatsächlich mitgenommen zu werden und somit zum Einsatz zu kommen. Also ich habe im Zweifelsfall lieber ein etwas kleineres Stativ, was ich auch dabei habe, als ein etwas größeres Stativ, was dann doch zuhause liegt.

Welche Größe? Die Größeneinteilung von Gitzo haben auch einige andere Hersteller übernommen.
Series 4: Braucht kein Mensch, es sei denn du willst mit einer Großformatkamera Langzeitbelichtungen während eines Erdbebens machen.
Series 3: Hier kannst du eine Canon 1D mit 500mm Objektiv draufschrauben. Aber du willst das Stativ nicht weiter als 20 Meter tragen.
Series 2: Hier kannst du eine Canon 5D mit 100-400 Objektiv draufschrauben. Aber der große Fotorucksack wird mit dem Stativ noch ein ganzes Stück sperriger und schwerer.
Series 1: Das ist meiner Meinung nach eine vernünftige Größe z.B. für eine Canon 6D mit 135mm Objektiv. Hier hat man einen guten Kompromiss aus Stabilität und Größe/Gewicht.
Series 0: Gut geeignet als Reisestativ z.B. für eine Sony A7 mit 28-70 Objektiv. Für normale Anwendungen völlig ausreichend, aber bei starken Wind oder schweren Objektiven kann es etwas wackelig werden.

Reisestativ oder nicht? Reisestative zeichnen sich oft dadurch aus, dass man sie umgekehrt zusammenklappen kann. Der (passende) Stativkopf wird dann zwischen den Stativbeinen eingeklappt, sodass man ein kompaktes Packmaß hat. Das ist durchaus praktisch, wenn man das Stativ mit wenig Platz verstauen möchte.

Wieviele Auszüge? Stative mit 3 Segmenten (2 Auszüge) würde ich nicht empfehlen; ich finde sie einfach zu sperrig. Stative mit 4 Segmenten (3 Auszüge) sind meiner Meinung nach optimal. Stative mit 5 Segmenten (4 Auszüge) würde ich wiederum nicht empfehlen, weil hier der letzte Auszug meistens zu wackelig ist.

Was ist mit der Mittelsäule? Eine Mittelsäule ist durchaus praktisch, aber kostet auch etwas Stabilität. In der Regel fahre ich die Mittelsäule nur halb aus, dann ist das Stativ noch sehr stabil. Ganz fahre ich die Mittelsäule nur dann aus, wenn ich unbedingt die Höhe brauche. Übrigens, es gibt auch ein paar Stative, die eine doppelt ausziehbare Mittelsäule haben; diese halte ich grundsätzlich für ungeeignet, weil sie nicht stabil sind. Außerdem gibt es noch Mittelsäulen, die umklappbar oder seitlich ausfahrbar sind; das ist ein nettes Gimmick, wird aber überwertet, weil man es in der Praxis deutlich seltener braucht als man denkt.

Was ist mit dem Stativkopf? Kugelkopf, 2-Wege-Neiger, 3-Wege-Neiger, Pistolengriff, was ist hier sinnvoll? Um es kurz machen: Kugelkopf, sonst nichts. Ich weiß, es gibt einige Fans von 3-Wege-Neigern, aber ich finde diese schrecklich, weil sie so sperrig und umständlich zu verstellen sind. Für mich kommt nur ein Kugelkopf in Frage. Die Kugel sollte nicht allzu winzig sein, damit sich der Kopf ordentlich verstellen lässt. Nett ist auch eine Friktionsverstellung, wird aber manchmal auch überbewertet und ist nicht unbedingt nötig.

Und die Stativplatte? Hier habe ich nur einen Tipp: Arca-Swiss. Das ist ein Standard, der von vielen Firmen unterstützt wird. Damit hat man volle Kompabilität mit allen möglichen verschiedenen Stativplatten, L-Winkeln oder sonstigen Halterungen. Ich würde heute keinen Stativkopf mehr nehmen, der nicht eine Arca-Swiss-kompatible Halterung hat.

Gummifüsse oder Spikes? Die meisten Stative kommen mit Gummifüssen daher und das ist gut so. Bei manchen lassen sich die Füße gegen Spikes tauschen, aber ich habe das bisher noch nie gebraucht und halte das für unnötig. Ich habe schon am Strand, am Gletscher, auf Eis, auf Felsen, im Schlamm und sonstwo mit Stativ fotografiert und bin bisher immer gut mit Gummifüssen zurecht gekommen.

Was ist mit einem Einbein? Manche Stative bieten die Möglichkeit, dass man eins der drei Beine abschrauben und als Einbein verwenden kann. Ich halte davon nichts. Ich hatte mal ein Einbein (separat gekauft) und fand es nicht sinnvoll. Die meisten Teleobjektive haben heute ja auch einen Bildstabilisator eingebaut. Außerdem macht es das Stativ weniger stabil, wenn es so konstruiert ist, dass ein Bein abschraubbar ist.

Gibt es eine Empfehlung? Das ist schwierig, weil jeder andere Anforderungen hat und die Geschmäcker sind auch unterschiedlich. Ich würde heute am besten ein Gitzo Traveler nehmen oder bei kleinem Budget ein Benro Slim. Es gibt aber auch viele andere gute Möglichkeiten.

Brauche ich denn heute überhaupt noch ein Stativ?

Moderne Kameras können High-ISO und haben eine Bildstabilisator, da braucht man doch gar kein Stativ mehr, oder? In der Tat ist es so, während man früher hauptsächlich ein Stativ brauchte, wenn man wenig Licht hatte, so ist das heute nicht mehr so. Mit einer modernen Kamera und einem lichtstarken stabilisierten Objektiv kann man fast im Dunkeln aus der Hand fotografieren. Dennoch finde ich ein Stativ auch heute noch sehr wichtig, gerade in der Natur-, Landschafts- und Architektur-Fotografie.

Erstens, ein Stativ ermöglicht längere Belichtungszeiten. Ein fließender Bach im Wald, die Brandung an den Küstenfelsen, schnell ziehende Wolken, verwischte Menschen in der Stadt, Lichtspuren von Autos auf einer dunklen Straße oder auch die Kunst des Lightpainting… all das geht nur mit Stativ.

Zweitens, ein Stativ ermöglicht eine geschlossene Blende. Wenn ich eine Landschaftsaufnahme mache mit einem Stein im Vordergrund und einem Berg im Hintergrund, dann muss ich die Blende weit schließen, damit beides scharf ist. Die geschlossene Blende lässt aber auch weniger Licht auf den Sensor, sodass ich eine längere Belichtungszeit brauche. Mit Stativ habe ich kein Problem damit, eine geschlossene Blende zu verwenden. Übrigens sorgt eine geschlossene Blende auch dafür, dass schöne Blendensterne an Lichtquellen entstehen.

Außerdem, mit Stativ fotografiert man ruhiger. Die Fotografie wird entschleunigt. Man kann in Ruhe den Horizont mit der eingeblendeten Wasserwaage ausrichten und den Bildaufbau kontrollieren und verbessern, bevor man das Bild macht. Man ist weniger versucht drauflos zu knipsen, sondern fotografiert bewusster. Also viel Spaß beim Fotografieren und nimm das Stativ mit!

18.03.2018

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4 comments

  • Nicole Ebert 18.03.2018   Reply →

    Deine Gedanken zum Thema Stativ sind so beschrieben, wie auch wir das erlebt haben. Bis man zu einem überzeugenden Kauf kommt, setzt man erst mal einige Euros in den Sand. Stimmt, immer den Stativ mitschleppen zu müssen, mag er auch eine leichtere Version sein, ist mühsam, aber für Fotos wie von dir beschrieben unabdingbar. Grüsse , Nicole und Jochen

  • André 19.03.2018   Reply →

    Alles sauber beschrieben. Prima. Zum Thema Einbein bin ich anderer Meinung (siehe Helgoland). Es kommt da auch, wie bei vielem Anderen, auf den Einsatzzweck an. Bei meinem ersten Einsatz des Einbein (2011) musste ich mich erst daran gewöhnen und es war häufiger im Weg. Aber mittlerweile weiß ich, wann ich es wie nutzen muss, kann und sollte. Und dann ist es eine sehr große Hilfe. Gerade bei langen Brennweiten (Wildlife).
    Ich habe das Thema Stativ ja auch schon lange auf meiner ToDo-Liste für meinen Blog. Aktuell habe ich ein Leih-Stativ hier, so dass ich anhand Dessen das Thema jetzt endlich angehen will. Ich plane im Moment für April/Mai.

  • Kai 29.03.2018   Reply →

    Also ich fahre mit meiner Kombi aus Manfrotto 190 und Gorillapod SLR sehr gut. Das erstere hauptsächlich für Videoaufnahmen und seltene Langzeitbelichtungen, letzteres hauptsächlich mit dem Smartphone. Aber auch mit der 5D macht es noch eine gute Figur.

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