Herzlich willkommen, Canon RF!

Jahrzehntelang gab es die beiden großen DSLR-Fotosysteme: Canon mit EF-Bajonett und Nikon mit F-Bajonett. Nachdem Nikon vor einigen Tagen sein neues Mirrorless-System Nikon Z vorstellte, bringt nun auch Canon ein neues System: Canon RF. Hier sind die Fakten und ein paar Gedanken dazu.

Es ist eine Zeitenwende bei den Fotosystemen. Nikon hatte 60 Jahre lang am F-Bajonett festgehalten. Canon hatte 1987 von FD- auf EF-Bajonett umgestellt. Aber seitdem (immerhin 31 Jahre) haben alle Fotografen, die mit dem Marktführer fotografieren, EF-Objektive im Einsatz. Das ist ein enormer Bestand und dient auch als Grundlage für Canons Erfolg, weil Objektive mit diesem Anschluss am weitesten verbreitet sind. Insofern ist es ein mutiger Schritt das neue RF-Bajonett einzuführen. Es wird zwar Adapter geben um EF-Objektive anzuschließen, aber bei den nativen RF-Objektiven startet man bei Null und es wird Jahre dauern bis eine vernünftige Anzahl an RF-Objektiven verfügbar sein wird.

Dennoch war ein neues Bajonett nötig geworden, denn in den letzten Jahren zeigte sich immer mehr, dass DSLR-Kameras eine veraltete Technik sind. Man braucht den Spiegelkasten in einer Kamera heute nicht mehr, elektronische Sucher sind sehr gut geworden und die Mirrorless-Bildsensoren mit integrierten Autofokus bieten technische Vorteile und bessere Funktionen. Durch den Wegfall des Spiegels sind auch kompaktere Kameras und Objektive möglich, weil das Auflagemaß deutlich kürzer ausfällt. Daher brauchte es ein neues Bajonett mit kürzeren Auflagemaß. Canon RF ist also der Name des neuen Systems. Das Bajonett hat ein Auflagemaß von 20mm (Canon EF 44mm, Sony E 18mm, Nikon Z 16mm). Der Durchmesser des neuen RF-Bajonetts ist mit 54mm der gleiche wie beim EF-Bajonett (Sony E 46mm, Nikon Z 55mm).

Die neue Kamera: Canon EOS R

Zum Start des Systems bringt Canon die EOS R Kamera, die in ihren Eigenschaften der EOS 5D IV ähnlich ist. So hat der Bildsensor 30 Megapixel Auflösung und ISO 100-40.000 (erweitert 50 bis 102.400). Anders als bei der EOS 5D IV gibt es auf dem Bildsensor 5.655 Dual-Pixel-AF-Punkte, die quasi über die gesamte Fläche verteilt sind. Canon behauptet es handle sich um den schnellsten AF der Welt und dass der AF bis zu einer Empfindlichkeit von -6EV funktioniere. Ich konnte das noch nicht überprüfen und habe etwas Zweifel an diesen sensationellen Angaben. Mir ist nur aufgefallen, dass sich die Angabe im Datenblatt auf ein f/1.2-Objektiv bezieht, während ansonsten die AF-Empfindlichkeit für ein f/2.0-Objektiv angegeben wird. Aber selbst wenn man die 1,3 Blenden Unterschied runterrechnet ist es noch ein sehr guter Wert. Ich denke wir können bei der Kamera eine sehr gute AF-Performance erwarten.

Der elektronische Sucher der EOS R hat eine Auflösung von 3,69M Bildpunkten, also von 1280×960 Pixeln. Das ist die gleiche Sucherauflösung wie bei der Sony A7RIII oder Nikon Z7. Die Suchervergrößerung beträgt 0,76-fach (Sony A7RIII 0,78-fach, Nikon Z7 0,8-fach). Der Verschluss ermöglicht Belichtungszeiten bis 1/8000s, die Blitzsynchronzeit beträgt 1/200s. Serienbilder sind theoretisch mit 8fps möglich, praktisch sind es mit Nachführ-AF nur 5fps.

Die EOS R nutzt den gleichen großen Akku wie die DSLRs (Canon LP-E6N), jedoch reicht er in der EOS R nur für 350 Aufnahmen nach CIPA-Standard. Ähnlich wie in der Nikon Z7 scheint auch die neue Canon Mirrorless-Kamera sehr stromhungrig zu sein. Die Sony A7III macht mit einem ähnlich großen Akku 650 Aufnahmen nach CIPA-Standard.

Die Kamera hat einen Speicherkartenslot und zwar für SD-Karten. Ich finde das gut, denn SD-Karten sind quasi der Standard und ich brauche auch keinen zweiten Speicherkartenslot. Außerdem verfügt die EOS R natürlich über WLAN und Bluetooth, wie heute bei allen Kameras üblich. GPS ist leider nicht eingebaut; es gibt nur eine Lösung die GPS-Daten von einem per Bluetooth verbundenen Smartphone zu beziehen.

Die EOS R hat leider keinen Sensor-Bildstabilisator. Während Sony, Nikon und andere das inzwischen anbieten, müssen wir bei Canon darauf verzichten. Die Kamera verfügt über Eye-AF und Silent Shooting, aber beide Funktionen kann man leider nur für Einzelaufnahmen nutzen, nicht für Serienaufnahmen. Das ist eine ungewöhnliche Einschränkung. Erfreulich hingegen ist, dass das Touch-Display nicht nur klappbar sondern auch schwenkbar ist. Zudem gibt es ein kleines Top-Display, ähnlich wie bei der Nikon Z7, welches die wichtigsten Einstellungen anzeigt.

Canon hat sich zwei neue Features einfallen lassen. Es gibt einen konfigurierbaren Objektiv-Steuerring und an der Kamerarückseite neben der Daumenablage einen Multifunktions-Touch-Bar. Das ist ja schön und innovativ, aber dafür hat man leider den Joystick weggelassen. Mit dem Joystick konnte man mit dem Daumen direkt die AF-Punkte verschieben, das war superpraktisch. (Sony hatte das anfangs nicht, viele User haben sich geärgert, mit der A7III wurde dann ein Joystick eingeführt.) Ich verstehe nicht warum Canon eine so gute und bewährte Funktion weggelassen hat. Bei der EOS R muss man nun standardmäßig zuerst eine Taste drücken, die sich ganz rechts außen befindet, und kann dann mit dem Multicontroller die AF-Punkte verschieben. Das ist nicht ideal und der zierliche Multicontroller unterstützt auch nur 4-Wege (statt 8-Wege wie bei anderen Canon Kameras). Alternativ kann man das Touchdisplay zur Verstellung der AF-Punkte nutzen, das nennt sich Touch&Drag-AF. Aber auch das finde ich nicht ideal, erstens ist es nicht direkt mit dem rechten Daumen erreichbar und zweitens hat man kein taktiles Feedback und eine leichte Verzögerung bei der Eingabe.

Die Kamera hat drei Wählräder. Eins befindet sich wie gewohnt vorne am Auslöser, das zweite ist auf der Oberseite der Kamera und mit dem Daumen erreichbar und das dritte ist der Objektiv-Steuerring. Diese drei Wahlräder lassen sich nun frei belegen mit den Funktionen Blende, Belichtungszeit, Belichtungskorrektur, ISO-Einstellung. So kann sich jeder Fotograf die für sich ideale Konfiguration einstellen. Übrigens gibt es auch ein neues Belichtungsprogramm. Ihr kennt ja P/Av/Tv/M, dazu kommt nun Fv! In diesem flexiblen Programm kann man die drei Parameter Blende, Zeit, ISO einzeln auf Auto stellen oder einen Wert einstellen. Klingt in der Theorie praktisch, muss ich mal in der Praxis ausprobieren. Die EOS R kostet 2499 Euro, im Kit mit dem RF 24-105 werden 3499 Euro fällig.

Canon RF Objektive

Canon hat zum Start vier Objektive angekündigt:

  • Canon RF 24-105mm f/4 L IS USM – Das Standardzoom hat mit 77mm Filter, 107mm Länge und 700g Gewicht im Prinzip die gleiche Größe wie andere 24-105-Objektive auch. Erfreulich ist der praktische Brennweitenbereich, gerade für die Reisefotografie; ich finde ein 24-70 einfach zu kurz. Das RF 24-05 ist zwar kein wirklich kompaktes Objektiv, aber es dürfte an der Kamera noch recht gut ausbalanziert sein. Die Summe der Eigenschaften wird es wohl zu einem der beliebtesten Objektive machen. Das RF 24-105 ist ab Anfang Oktober für 1199 Euro zu haben.
  • Canon RF 28-70mm f/2 L USM – Wow, ein Zoom mit f/2.0 ist mal eine Ansage. Das sorgt für Aufmerksamkeit und Haben-wollen-Faktor. Aber mit 95mm Filter, 140mm Länge und 1,4kg Gewicht ist es auch echt ein Trümmer – mal abgesehen vom enormen Preis. Zudem hat es keinen Bildstabilisator. An der EOS R dürfte die Kombi mit diesem Objektiv ziemlich kopflastig sein. Für einige Hochzeitsfotografen ist es sicher ein Traum, aber mir wäre das Objektiv einfach zu groß. Das 28-70/2 wird ab Dezember für 3249 Euro zu kaufen sein.
  • Canon RF 50mm f/1.2 L USM – Canon bringt tatsächlich ein neues 50/1.2, das ist toll. Aber auch hier merkt man, dass moderne High-End-Objektive immer größer werden. Hatte das EF 50/1.2 im Jahr 2006 noch 72mm Filter, 65mm Länge und 580g Gewicht, so kommt das neue RF 50/1.2 mit 77mm Filter, 108mm Länge und 950g Gewicht. Aber wir können hier sicher eine bessere Abbildungsqualität als beim Vorgänger erwarten. Dennoch würde ich für meine Anwendungen ein kompakteres 50er bevorzugen. Außerdem gilt auch hier: leider keine Bildstabilisierung. Das neue 50/1.2 wird ab Ende Oktober verfügbar sein und stolze 2499 Euro kosten.
  • Canon RF 35mm f/1.8 IS Macro STM – Das einzige wirklich kompakte Objektiv ist eine Festbrennweite mit Lichtstärke f/1.8. Die Optik kommt mit Bildstabilisator und zudem 1:2 Makrofunktion. Mit 52mm Filter, 63mm Länge und 305g Gewicht gibt das an der EOS R eine angenehm handliche Kombi. Das 35/1.8 gibt es ab Dezember für 549 Euro zu kaufen.

Wie bereits oben schon angesprochen, haben die RF-Objektive einen dritten Einstellring. Canon nennt das den konfigurierbaren Objektiv-Steuerring. Vom Kameragehäuse aus gesehen, kommt zuerst der Zoomring für die Einstellung der Brennweite, quasi in der Mitte befindet sich dann der Fokusring und vorne am Objektiv gibt es den neuen Steuerring. Die RF-Objektive verfügen über einen elektronisch entkoppelten Fokus, sodass es keine Entfernungsanzeige am Objektiv mehr gibt. Wie bei Sony auch, wird die aber digital im Sucher bzw. auf dem Display beim manuellen Fokussieren eingeblendet, was ich sehr praktisch finde.

Erfreulich ist außerdem der Fakt, dass die Fokussierung linear umgesetzt wurde. Das bedeutet, wenn man den Fokusring ein Stück dreht, dann wird die Entfernung ein Stück verstellt. Bei Sony ist es ja leider so, dass es nicht linear sondern geschwindigkeitsabhängig umgesetzt ist. Sony meint, damit ließe sich der Fokus genauer einstellen (wenn man langsamer dreht, kann man die Entfernung ganz fein einstellen), aber ich finde das total nervig bei den Sony-Objektiven und kann mich nicht daran gewöhnen. Daher ist es klasse, dass Canon ‘Focus by wire’ nun linear umsetzt.

Auch an einer anderen Stelle hat Canon eine smarte Lösung umgesetzt. Wenn man die Kamera ausschaltet und das Objektiv zum wechseln abnimmt, dann wird der Sensor durch den geschlossenen Verschluss verdeckt. So kommt weniger Staub und Dreck auf den Sensor. Meine Sony A7II hat das leider nicht und eine Sensorreinigung ist öfter mal nötig. Insofern finde ich die Funktion von Canon ziemlich gut.

Adapter in mehreren Ausführungen

Dem Adapter um EF-Objektive an der EOS R Kamera zu nutzen, kommt natürlich eine große Bedeutung zu. Es soll ihn in vier verschiedenen Ausführungen geben. Zunächst ist da der einfach Mount Adapter, der für 109 Euro angeboten wird. Dann gibt es noch den Control Ring Mount Adapter, der quasi den dritten Objektivring nachliefert; dieser soll 219 Euro kosten. Diese beiden Adapter werden ab Oktober verfügbar sein. Im Februar folgen dann noch zwei Filter Mount Adapter. Der C-PL Adapter verfügt über einen integrierten zirkularen Polfilter und kostet 329 Euro. Der V-ND Adapter kommt mit einem eingebauten variablen Graufilter für 449 Euro.

Da die EOS R einen Autofokus mit sehr hoher Empfindlichkeit hat, wird es möglich sein z.B. ein EF 100-400L mit 2x Telekonverter angeschlossen per Adapter mit Autofokus zu nutzen. Das entspricht quasi Offenblende f/11 und war bisher bei keiner Canon Kamera möglich.

Mit dem Adapter können alle EF, EF-S und TS-E Objektive ohne Einschränkungen genutzt werden. Nur für EF-M passt der Anschluss nicht und hier wird es auch nie einen Adapter geben. So werden Canon APS-C-Mirrorless- und Kleinbild-Mirrorless-Systeme untereinander nicht kompatibel sein.

Wie Nikon mit seinem Z-Mount, so wird auch Canon die RF-Spezifikationen nicht für Drittanbieter veröffentlichen. Objektiv-Dritthersteller werden reverse-engineeren müssen um RF-Objektive anzubieten. Sony hat die E-Mount-Spezifikation für Dritthersteller offengelegt.

Fazit

Zwei Wochen nach Nikon bringt also auch Canon nun ein neues Bajonett mit einem neuen Kleinbild-Mirrorless-System. Die beiden Marktführer waren Jahrzehnte lang der Standard bei DSLR-Kameras und Objektiven. Es ist eine Zeitenwende, nun geht es spiegellos mit neuen Systemen weiter. Canon und auch Nikon starten dabei quasi von Null und müssen ein komplett neues Objektivangebot aufbauen. Zwar haben sie erhebliche Ressourcen, aber Sony ist ihnen einige Jahre voraus und hat einfach das größere Angebot. Canon und Nikon haben aber einen riesigen Bestand an DSLR-Objektiven, die sich mit dem jeweiligen Adapter weiter nutzen lassen. Das ist der wesentliche Punkt, der für diese Kameras spricht. DSLR-Fotografen mit den entsprechenden Objektivbestand werden hier in erster Linie angesprochen, weil sie dann ihre Objektive weiternutzen können.

Die EOS R Kamera ist ein interessanter Start zu einem brauchbaren Preis und bietet Licht und Schatten. 30 Megapixel sind eine schöne Auflösung die AF-Performance scheint wirklich gut zu sein. Es gibt innovative Bedienelemente und eine Konfigurierbarkeit, wie man sie bisher von Canon nicht kannte. Aber warum hat man den AF-Joystick weggelassen? Außerdem gibt es keinen Sensor-Bildstabilisator. Dass Eye-AF und Silent Shooting nicht für Serienaufnahmen verfügbar sind, erscheint auch rätselhaft. Die Bildqualität und insbesondere der Dynamikumfang entsprechen der EOS 5D IV, was solide ist, aber nicht spitze. Der Bildsensor kommt mit AA-Filter und ohne BSI-Technik und reicht damit nicht an die Sony-Sensoren ran. Canon hat sich aber sehr auf die Bedienung und eine gute Haptik konzentriert, was vielen Fotografen zu Gute kommen wird.

Mit den angebotenen vier RF-Objektiven zeigt Canon mal wieder, was sie können. Das 50/1.2 und das 28-70/2.0 sind beeindruckende Optiken. Aber in der Praxis werden sie nur wenige Fotografen aufgrund von Größe und Preis tatsächlich nutzen. (Für den Preis des RF 50/1.2 bekomme ich über 20 Stück EF 50/1.8). Da sind das 24-105/4 und das 35/1.8 sicher deutlich mehr massentauglich. Schauen wir mal, was in Zukunft noch an RF-Objektiven erscheinen wird.

Als Fotograf mit einer Sony Mirrorless-Kamera bin ich nicht versucht, zur Canon EOS R zu wechseln. Anders wird das für Fotografen sein, die eine Canon-Ausrüstung mit vielen EF-Objektiven haben. Diese Gruppe wird hier sicher angesprochen und das Angebot ist nicht unattraktiv. Es bleiben aber noch einige Praxiserfahrungen abzuwarten, wie sich die EOS R im Alltag schlägt. Insgesamt finde ich es aber einfach toll, dass es mit Sony, Nikon und Canon nun drei große Anbieter für Kleinbild-Mirrorless-Kameras gibt. Das ist eine Konkurrenz, wovon der Kunde profitiert. In diesem Sinne also: Herzlich willkommen, Canon RF!

 

Bilder und Video von Canon.

06.09.2018

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