Drei Monate mit der Sony A7RII

15 Wochen habe ich nun schon meine neue Kamera, die Sony A7RII. Es hat etwas gedauert mit ihr warm zu werden, einerseits weil die Voreinstellungen nicht sinnvoll sind, andererseits weil das Menüsystem kompliziert und unübersichtlich ist. Wie sieht nun mein Fazit nach gut drei Monaten aus?

Was waren das für schöne Zeiten mit meiner Canon 6D, das Menüsystem war übersichtlich, die Bedienung einfach und der Autofokus hatte praktisch nur einen einzelnen Punkt. Man musste nicht viele Entscheidungen treffen und konnte einfach fotografieren. Das wollte ich mit der neuen Sony A7RII auch machen, als ich sie aus dem Karton nahm. Aber da gab es zuerst ein paar Hürden zu nehmen.

Eigentlich ist ja ganz einfach. Man stellt die Kamera in den A-Modus (Blendenvorwahl), die Bildqualität nur auf Raw und den Autofokus auf ein einzelnes Feld in der Mitte und los geht’s. Leider ist es damit aber nicht getan, es gibt noch eine Vielzahl weiterer Einstellmöglichkeiten und einige Tasten wollen mit Funktionen belegt werden. Allein der Autofokus ist ein Kapitel für sich. Single oder Kontinuierlich? Ein oder mehrere Felder? Statische Felder oder sollen sie dynamisch dem Motiv folgen? Wie groß sollen die einzelnen Felder sein? Priorität auf Auslösen und Schärfe? Letzteres ist standardmäßig auf ein Mittelding eingestellt (wohlgemerkt bei Single-AF) was zu erhöhten Ausschuss führt. Eine von vielen nicht sinnvollen Voreinstellungen.

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Nachdem ich mich einmal durch das schlanke Handbuch (305 Seiten) gequält hatte, wurde es etwas besser. Im Handbuch fanden sich auch einige interessante Informationen z.B. geht das Akkuladen in der Kamera schneller als mit dem blöden Ladegerät. Oder die durchaus wesentliche Information, dass die Kamera in einigen Modi nicht 14 Bit sondern nur 12 Bit aufzeichnet, dazu gehören z.B. Serienaufnahmen und der lautlose Modus. Eine weitere erhebliche Einschränkung findet sich nicht im Handbuch, dabei geht es um die WLAN-Funktionen. Wenn man die Kamera per WLAN Remote benutzt und vom Mobilgerät auslöst, dann ist kein Raw sondern nur Jpg möglich. Das ist ungefähr so sinnvoll, als wenn ich im Auto nur noch im ersten Gang fahren kann, sobald ich den CD-Player einschalte.

Überhaupt ist es schwachsinnig bis unverschämt, wenn der Kamerahersteller bei einer 3500-Euro-Kamera noch eine App für 10 Euro verkaufen will, was zudem eine Zwangsanmeldung in einem grenzdebilen Appstore erfordert. Übrigens dem Appstore, der nachweislich nicht sicher mit Kreditkartendaten umgeht und mehrfach gehackt wurde. Und wenn ich mich schon aufrege, dann will ich direkt mit meinem Lieblingsthema weitermachen, der Akkulaufzeit. Man liest ja überall, dass sie schlecht ist. Ich bin geneigt zu sagen, das ist beschönigt. Die Akkulaufzeit ist unterirdisch. Im Dauerbetrieb ist der Akku schneller leer als ihn das Ladegerät aufladen kann. Im normalen Fotobetrieb mit Flugzeugmodus (WLAN und NFC aus) erreicht man die Leistung einer Kompaktkamera, also gut 300 Bilder. Zwei Ersatzakkus und ein vernünftiges Ladegerät sind Pflicht um dieses Ärgernis in den Griff zu bekommen.

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Wenn die Kamera dann mal läuft und man fotografiert, dann gibt es aber auch Grund für gute Laune. Da ist zum Beispiel der Sucher. Ja, es ist ein elektronischer Sucher mit XGA-Auflösung (1024 x 768 Pixel), aber er ist sehr groß (0,78x Vergrößerung, eine 1DX hat 0,76x) und inzwischen muss ich sagen, so ein elektronischer Sucher ist wahnsinnig praktisch. Wenn die Umgebung dunkel ist, dann ist der Sucher trotzdem hell, manchmal fast wie ein Nachtsichtgerät. Außerdem kann man diverse Funktionen einblenden, was auch nützlich ist. Man sieht auch direkt wie sich die Belichtungskorrektur auswirkt bevor man das Bild gemacht hat, man kann sogar ein Live-Histogramm einblenden. Und wenn draußen die Sonne knallt und man das Display nur schlecht erkennt, dann kann man die Bildbetrachtung oder Menüeinstellung eben auch im Sucher machen.

So richtig gute Laune gibt es dann, wenn man sich die Bilder am Rechner anschaut. Man liest ja überall, das sie gut ist. Das ist untertrieben. Die Bildqualität ist fantastisch. Die Auflösung und Detailschärfe (mit 42 Megapixeln und ohne AA-Filter) ist ebenbürtig mit einer digitalen Mittelformatkamera. Es gibt wahnsinnige Reserven um Fotos zu beschneiden und vergrößern. Das Rauschverhalten ist ebenfalls fantastisch. Das hat mich am meisten erstaunt, weil das normalerweise nicht mit der hohen Auflösung zusammen geht. Diese Kamera kann aber tatsächlich beides, was wohl auch an der neuen Sensortechnologie (BSI) liegt. Zwar beginnt das Rauschen recht früh bei Werten um ISO 1600, ist aber nur ein feines Luminanzrauschen, was sich sehr gut korrigieren lässt. Bis hinauf in hohe Werte wird es nicht viel schlimmer, Bilder mit ISO 12800 sind sehr gut brauchbar und haben nur etwas Luminanzrauschen, kaum Farbrauschen. Selbst Bilder mit ISO 51200 haben noch eine erstaunlich gute Qualität. Vergleicht man so ein Bild ausgedruckt mit einem ISO 800 Schwarzweiss-Film, der Analogfilm würde hier wohl verlieren. Was für ein technischer Fortschritt.

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Außerdem ist da noch der Dynamikumfang, den ich ebenfalls nur als fantastisch bezeichnen kann. Vielleicht bin ich besonders beeindruckt, weil ich die letzten drei Jahre eine Canon Kamera benutzt habe. Aber davor hatte ich eine Nikon, also kenne ich durchaus deren Möglichkeiten. Bei ISO 100 muss sich die Sony A7RII knapp einer Nikon D810 geschlagen geben (das bedeutet immer noch fantastisch gut, ich habe meine Verlaufsfilter nun verkauft), aber sobald es in den Bereich von ISO 800-3200 geht, macht so schnell keiner der Sony etwas vor. Der Sony Sensor ist eine Allzweckwaffe mit außergewöhnlicher Bildqualität in allen Anwendungsbereichen.

Natürlich ist eine Kamera nichts ohne ihre Objektive und so eine hohe Auflösung fordert die Optiken ganz schön. Kein Wunder also, wenn Fotos mit meinem Superzoom FE 24-240 in der 100% Ansicht eher weich aussehen. Aber umso erstaunlicher, was das Sony-Zeiss FE 55mm für eine Bildqualität bietet. Kein 50mm Objektiv von Canon oder Nikon kann hier auch nur annähernd mithalten. Ich habe selten so eine Detailschärfe gesehen, noch dazu in so einer hohen Auflösung. Auch das Sony-Zeiss FE 16-35mm und das FE Sony 28mm sind ziemlich gute Objektive. Das Angebot an Autofokus-Objektiven ist aber noch eher gering, während das Angebot an manuellen Festbrennweiten sehr groß ist. (Mehr zu den verfügbaren Objektiven hier.)

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Zurück zur Kamera, zurück zur Sony A7RII. Sie liegt gut in der Hand. Natürlich ist sie kleiner als eine DSLR. Wenn ich die Kamera greife, dann hängt mein kleiner Finger etwas in der Luft. Dennoch ist die Haptik, die Ausformung des Handgriffs und die Position des Auslösers sehr gut. Auch mit den Wahlrädern komme ich gut zurecht. Dieser Punkt ist mir sehr wichtig, denn man kann eine Kamera nur dann gut benutzen, wenn man mit der Haptik und den Bedienelementen auch gut zurecht kommt.

An dieser Stelle muss ich auch mal erwähnen, wie schön es ist mit einer kleinen leichten Kameraausrüstung unterwegs zu sein. Natürlich ist das wesentlich von den Objektiven abhängig, aber mit dem FE 16-35mm und FE 24-240mm hat man schon ein kompaktes Reise-Setup, was man gut mit dem FE 55mm ergänzen kann. Sehr gerne gehe ich auch nur mit der A7RII und dem FE 28mm raus, das ist eine tolle und wirklich kompakte Kombination.

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Was kann ich nun als Fazit nach drei Monaten zur Sony A7RII sagen? Ich bin mit der Kamera durchaus zufrieden. Mit der Bedienung habe ich mich arrangiert. Von der Bildqualität bin ich begeistert. Als Reisekamera und für Landschaften ist sie spitze. Auch für die Portraitfotografie ist die Kamera klasse, hier ist der Augen-AF superpraktisch, der die Schärfe automatisch auf dem der Kamera zugewandten Auge hält. Überhaupt bin ich sehr happy damit nun eine Mirrorless-Fotoausrüstung zu haben mit den Vorteilen des elektronischen Suchers und der Möglichkeit auch mal das Klappdisplay zum Fotografieren zu nutzen. Erwähnen muss ich auch noch die Sensorstabilisierung, die sehr gut arbeitet und so entspanntes Fotografieren auch mit ungewöhnlich langen Belichtungszeiten ermöglicht.

Für Reportage und Sport wäre die Sony A7RII aber nicht meine erste Wahl. In kritischen Situationen, wenn es sehr schnell gehen muss um diesen einen Moment festzuhalten, da braucht die Kamera manchmal eine kleine Gedenksekunde oder der Autofokus macht kurzzeitig nicht genau das, was man erwartet hätte. Außerdem sind keine f/2.8-Zoomobjektive für das System verfügbar, die man ohne Adapter nutzen könnte. Für diese Bereiche der Fotografie ist man wohl zurzeit noch mit einer Canon 5DIII oder einer Nikon D750 besser dran.

Für alle anderen Bereiche ist die A7RII aber eine sehr gute Kamera mit kleinen Abmessungen, vielen praktischen Features und einer überragenden Bildqualität. Der hohe Preis, die schlechte Akkulaufzeit und das komplizierte Menü stören etwas (warum gibt es eigentlich nicht sowas wie bei Canon My Menu?) aber mit der guten Haptik, dem tollen Sucher und dem praktischen Klappdisplay fotografiere ich doch gerne mit der Kamera. Dazu gibt es dann noch nette Features wie Augen-AF und Sensorstabiliserung. Als High-End Reise- und Portraitkamera macht sich die A7RII meiner Meinung nach sehr gut.

Mehr zu den technischen Aspekten der Kamera gibt es in meinem Artikel Der erste Kontakt und im Review von DPReview.

22.11.2015

 

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6 comments

  • Herbert 26.11.2015   Reply →

    Danke für den offenen, persönlichen und ehrlichen Bericht. Leider liest man fast nur Lobeshymmnen auf die A7Rii und jeder kritische Artikel wird mit teilweise bösartigen Kommentaren versehen.
    Bin gespannt wie es nach weiteren drei Monaten sein wird und ob Sony via Firmware Update den einen oder anderen Punkt der stört beheben kann.
    Noch viel Spaß beim Erforschen der A7Rii.

  • Martin 29.11.2015   Reply →

    An einer Stelle muss ich mich korrigieren: per WLAN Remote ist es doch möglich in Raw zu fotografieren, es ist nur in einem anderen Untermenü versteckt 😉

  • Adrian 09.03.2016   Reply →

    Die Probleme mit dem Akku kann ich persönlich nicht ganz nachvollziehen, da man mit zwei Akkus gut über den Tag kommt (wenn man nicht filmt).

    Und es wird auch durch die Standard USB Buchse, mit der man die Kamera mit standard Ladegeräte, bzw externe Akkus geladen werden kann. Das ist für mich wichtiger als ein größerer Akku der auch die Kamera größer machen würde.
    Und inkompatible zu den Axx000 Modellen machen würde.

    Den Ärger über den wirklich in jeder Hinsicht kaputten App-Store von Sony kann ich allerdings zu 100% verstehen.

    Sony könnte davon viel wieder gutmachen, wenn sie auch selbst geschriebene Apps erlauben würden. Sie müssen sie ja nicht im Store anbieten oder Garantien übernehmen…

  • “das schlanke Handbuch (305 Seiten)”

    Wo hast du das zum Herunterladen gefunden?

    Ich habe nur ein gut 100-seitiges “Instruction Manual” zum Herunterladen gefunden. Inhaltlich ist das identisch mit dem Buch was mit der Kamera geliefert wurde.

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